Logo Megapixel Liechtenstein. Grafik: Susann Stefanizen

Megapixel Liechtenstein ist ein Literaturprojekt, das spielerisch nach dem Erzählen in der Transparenzgesellschaft fragt. Liechtenstein wird zum Schauplatz und drei LiechtensteinerInnen zu ProtagonistInnen einer außergewöhnlichen Erzählung – geschrieben von Heike Geißler, Thomas Köck und Michael Stauffer.

Heike Geißler
Welt und Bühne

Fotos: Herbert Hilbe

Thomas Köck
2:26 (nachtrag zum einundzwanzigsten jahrhundert)

Fotos: Christel Pangerl

Michael Stauffer
LLND, Liechtensteiner Landesnachrichtendienst

Fotos: Samantha Zogg

Das Experiment: Drei LiechtensteinerInnen werden 24 Stunden mit der Mini-Kamera Narrative Clip ausgerüstet, die alle 30 Sekunden ein Bild knipst. So entstehen Tausende Schnappschüsse, die einen ungewohnten Einblick in das Leben dreier Menschen geben. Auf Grundlage dieses Stoffes entstehen drei Erzählungen in Text und Bild. Sie werden bei einer Lesung präsentiert und anschließend in Form von Videos dokumentiert. Megapixel ist ein fortlaufendes Projekt des Kuratorenduos Ehrenwerth & Kümel, das stetig für neue Orte, Themen und Anlässe weiterentwickelt wird.

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Heike Geißler, 1977 in Riesa geboren, ist Schriftstellerin, Übersetzerin sowie Mitherausgeberin der Heftreihe „Lücken kann man lesen“ (mit Anna-Lena von Helldorff). Zuletzt erschienen das illustrierte Kinderbuch „Emma und Pferd Beere“ (Lubok, 2009) und der Reportage-Roman „Saisonarbeit“ (Spector Books, 2014). 2016 ist sie Stipendiatin der Villa Massimo Rom. Heike Geißler lebt in Leipzig.

Heike Geißler und Teilnehmer Herbert Hilbe, Foto: Franziska Janke

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Textvorschau Geißler

Heike Geißler
Welt und Bühne

Sie sehen die Generalprobe eines Stückes.Das ist die Bühne. Die Bühne umfasst anfangs die Wohnung, reicht später auch darüber hinaus.
Das ist die Heldin, um die es eigentlich nicht geht, wobei gar nicht genau gesagt werden kann, worum es eigentlich geht. In einem entscheidenden Moment weiß die Heldin, was zu tun ist.
Das ist der Held.

1. Akt
Die Helden vermelden den Wochentag

Unter allen sieben Pillenpackungen wählen sie eine aus und legen sie demonstrativ auf den Tisch. Es ist ein Donnerstag. Wird man das, fragt sich der Regisseur, auch in den letzten Reihen sehen? Oder ist das zu diskret. Der Regisseur ruft von der Bühne ins Publikum: Wie explizit ist explizit? Das sei doch immer die Frage. Aber, fügt er an, es ist nicht so, dass ich Antworten von Ihnen will. Ich mache das alles mit mir und dem Stück aus. Jedenfalls gibt es Möglichkeiten, die man sehen kann, denn da liegen ja schließlich auch die anderen Tage bereit. Welcher Tag nun ist, bestimmen Heldin und Held. Es ist Donnerstag, und vielleicht bleibt das so. Heldin und Held warten, dass der Regisseur die Bühne verlässt, oder warten, dass er sie gänzlich für sich erobert. Soll er tun, was er will. Da liegt also eine Pillenpackung, und welcher Tag auf der Bühne ist, ist nach dieser ihnen lebenslang erscheinenden Probenzeit nun auch schon egal. Je mehr der Regisseur redet, desto mehr Zeit haben sie sich auszurechnen, wie oft er sie bisher unterbrach, wie oft er sie spielen ließ, was sie nicht spielen wollten, wie er sich gelegentlich aber doch überraschend fröhlich zeigte und ihnen einen Spaß ins Stück packte. Was ist das nochmal für ein Stück? Auch Heldinnen und Helden können alles vergessen.
Sie stehen oder sitzen oder liegen oder schweifen ab. Und füllen sich den Mund mit Pillen, wenn der Regisseur nicht hinschaut, weil diese Pillen nur aus Zucker sind. Der Regisseur nimmt Platz am Bühnenrand und murmelt: Man kann ja alles anders machen oder lassen wie es ist. Dann lacht er laut und etwas irritierend.
Es ist Donnerstag, das ist ein Anfang, wir wissen mehr als nichts.

2. Akt
Der Held betritt die Welt

Natürlich müssen alle raus, alle müssen immer raus. Der Held zieht nicht aus, um das Fürchten zu lernen. Der Held hat sich schon genug gefürchtet, wie sonst sollte er zum Helden geworden sein. Darüber könnte er viel reden. Aber er tut es nicht. Alles, was zu sagen ist, legt er erst am späten Abend in sein Gesicht und auf seine Haut und übergibt es dem Spiegel, der ihm zum Dank eine kleine Anekdote zeigt, einen Gruß aus einer anderen Zeit, in der Heldin und Held noch nicht diskrete Protagonisten eines sich vielleicht zu sehr mit der Wiederholung beschäftigenden Stückes eines sich verrannt habenden alternden, ideenarmen Regisseurs waren. Aber das, wie gesagt, erst am Abend.

Noch ist Morgen, und die Welt begrüßt den Helden: Guten Tag, Held. Guten Tag, Welt, murmelt der Held und besteigt sein Heldenmobil und dreht sich um, als wäre wer dabei, also ist da wer? Entweder da ist wer und sagt nichts oder da ist niemand oder da ist jemand und sagt etwas, aber der Held kann es nicht hören. Der Held ist mit einfacher Technik ausgestattet: Er hat Kopfhörer im Ohr, eingestöpselt in sein Smartphone, über das er die Anweisungen des Regisseurs empfängt.
Er drückt den Kopfhörer fester ins Ohr, um den Regisseur besser hören zu können.
Fahr schneller, sagt dieser. Schneller darf ich nicht, sagt der Held, der hier übrigens der Produktion sein Privatauto zur Verfügung stellt und Tag um Tag und Probe um Probe Privatbenzin ohne Kostenerstattung zu erhalten zur Verfügung stellt. Was weiß die Welt vom Helden? Was weiß der Held von der Welt? Der Held weiß ein Abenteuer als alltägliche Handlung zu verkleiden, aber daraus bastelt er sich keinen Ruf, das ist nun einfach so seine Art. Bremser, ruft der Regisseur. Der Held entfernt den Kopfhörer. Das könnte natürlich Folgen haben, aber was macht das schon, da doch alles Folgen hat. Der Held tritt auf die Bremse und fragt sich: wo ist das Ende dieser Bühne? Ist denn wirklich die gesamte Welt eine Bühne geworden?
Fokus, ruft der Regisseur, und ruft so laut, dass es der Held aus dem abgenommenem, auf dem Beifahrersitz liegenden Kopfhörer dröhnen hört. Er zieht das Telefon aus der Gesäßtasche, beendet das Telefonat, schaltet das Telefon aus. Um alle ist es gut und schlecht zugleich bestellt.

3. Akt
Der Held erweist sich als Privatmensch und Flaneur

Auch Helden sortieren sich beim Autofahren. Die Angelegenheiten sind elastisch, denkt der Held und stellt fest, er schnellt heute ständig aus der Rolle raus. Dies ist die siebte Wiederholung der Generalprobe für dieses Stück. Ob der Regisseur ein Dilettant ist? Das kam dem Helden noch nie so deutlich in den Sinn. Ja, der Regisseur ist ein Dilettant und zahlt außerdem schlecht. Der Held parkt vor einem Supermarkt, so steht es auch im Manuskript. Er steigt aus.
Im Wohnzimmer hört man unterdessen Musik von Richard Strauß. Metamorphosen. Man hört das Stück etwa dreimal so schnell wie es ist, aber es ist dennoch zu erkennen. Ob das, denkt sich der Regisseur, nun nicht doch zu dick aufgetragen ist? Er notiert die Frage auf der Liste, die immer länger wird: Dinge, die bis zur Premiere zu tun sind. Viele Dinge, keine Häkchen. Aber wer ihn fragte, wie das bis zur morgigen Premiere alles noch geschafft werden soll und ob es nicht besser wäre, die Premiere um eine Woche zu verschieben oder gleich auf nächstes Jahr, dem würde er sagen: Aus Ihnen mit Ihrer zögerlichen Art wird nie etwas werden. Sie sind doch wirklich so ein kleines und ahnungsloses Licht. In ruhigeren Minuten wird er sagen: Ich kitzele das Beste aus den Leuten heraus. Das schafft man nicht, wenn man nett ist.
Der Held streift durch den Markt, er spaziert herum und betrachtet die Produkte, liest, was auf den Packungen steht, er liest sich in aller Seelenruhe einen Regalmeter durch, das braucht viel Zeit.

Der Regisseur erkennt sein Stück nicht mehr. Was tut sein Held da. Warum ist sein Held unerreichbar für ihn. Wo ist er überhaupt. Er brüllt die auf ihren Einsatz allmählich schon ungeduldig wartende Heldin an, sie solle doch was tun. Da sei doch was faul.

Die Heldin hebt die Hand, das Bühnenlicht geht aus, dem Regisseur wird kurz bange von diesem Zufall, dann fängt er sich und notiert: Licht prüfen, dringend.

Zwischenstück über die Zukunft einer Frau

Die Kassiererin Grete M war ohne ihr Zutun und Wissen die Muse eines Künstlers geworden, der, wann immer er einkaufte, sie heimlich fotografierte und die Bilder schließlich auf Plakatwände kleben ließ. Grete M war daraufhin in der ganzen Stadt bekannt geworden und niemand ging davon aus, dass jemand anderes als sie selbst damit etwas zu tun hatte. Fast alle dachten, das sei ein merkwürdiger Größenwahn, der die Kassiererin M da befallen habe, dass sie offensichtlich viel zu viel verdiene, wenn sie es sich leisten könne, dermaßen groß und für ganze zwei Wochen in der Stadt zu sehen zu sein. Man gab ihr dann überhaupt kein Trinkgeld mehr. Nur wenige fragten: Sind Sie das wirklich? Die mochte sie dann mehr als alle und erzählte, dass sie nichts damit zu tun hat und nicht weiß, wer dahinter steht.

Grete M ist eine Kassiererin, der ab und an der Rücken schmerzt, die jede Woche mindestens drei Überstunden macht, ohne dafür bezahlt zu werden und trotzdem über die Witze ihrer Chefin lacht. Während sie Waren über das Band schiebt und dabei meistens freundlich blickt, erdenkt sie sich einen Supermarkt, in dem nichts gekauft werden kann, in dem die besten Produkte sehr preiswert oder sehr teuer ausgezeichnet sind, den man nur betreten darf, nachdem man einen Eintritt von 35 Euro entrichtet hat, ermäßigt 3, und sich den Wagen füllen, wie und womit man will, um schließlich alle Waren aufs Band zu legen und wie Kinder von guten und klugen Erzieherinnen in einer Tagesstätte von Mitarbeitern in Empfang genommen zu sehen. Auch darf man einen vollen Wagen zwischen den Regalen stehen lassen und einen oder mehrere weitere mit Waren befüllen. In zwei Jahren wird Grete M fünf dieser Märkte haben und bescheiden sagen: Ich mache ein hervorragendes Geschäft damit, dass ich nichts verkaufe als das Erlebnis, nichts zu kaufen und das kommt mir manchmal wie ein seltsamer Betrug, meistens aber wie ein großes Glück vor.

4. Akt
Der Held braucht Rat und holt ihn sich

Ist er denn jetzt noch in der Rolle. Und wer ist er überhaupt? Falls jemandem der Kopf schwirrt, dann ist er es. Falls jemand ruhig ist wie nie, dann ist er es. Der Held kann lachen und macht jetzt frei. Er geht in ein Lokal, da sitzt schon einer, schwer verwickelt in Papiere und ein anzubahnendes Geschäft. Der ächzt und erklärt, ohne dass der Held eine Frage stellt, ein Dilemma. Manche Geschäfte, sagt der, kriegt man nicht zum Laufen, manche Geschäfte kommen wirklich tot zur Welt. Ach so, sagt der Held und meint, das sollte man doch anders formulieren. Er sieht eine Frau, groß wie ein Funkturm, die tote, zum Scheitern verurteilte Geschäfte zur Welt bringt.

Der Regisseur hingegen brüllt das geschlossene Fenster an und beschimpft, was er sieht. Die Heldin denkt: dann muss man nachher die Flüche von den Regalen wischen, von den Büchern, vom Fernseher, aus dem Wäschekorb. Sie schweigt. Sie macht ja bei diesem Stück nur mit, weil der Regisseur meinte, wer quasi auf der Bühne wohnt, ist Teil von ihr, und es sei doch außerdem nicht zu viel verlangt, am Anfang des Stückes die richtige Pillenpackung auf den Tisch zu legen und sich am Ende des Stückes etwas im Liegen anzusehen. Das kriege jede und jeder hin, das bessere zudem auch noch die Einnahmen auf. Obwohl der Regisseur nicht recht hatte, denn sie wohnte eben nicht auf der Bühne, sondern die Bühne oder ein Teil davon, war in ihre Wohnung verlegt worden, hatte sie zugestimmt, an der Inszenierung, die auch keine aufwendige hatte sein sollen, wie der Regisseur vor mittlerweile mehr als zehn Monaten versprochen hatte, mitzuwirken. Nun aber zählt sie die durch den Regisseur und sein Stück erwirtschafteten Einnahmen zusammen und kommt, wie sie es auch dreht und wendet auf: Null, oder auf noch weniger. Sie setzt diese Null ins Verhältnis zu allem, was der Regisseur von ihr und dem Helden bisher verlangt hat, auch dazu, wie er, um seine Aufregung zu lindern, sich mehrmals täglich vor den offenen Kühlschrank stellt, und dabei immer etwas entdeckt, das doch sicherlich nicht mehr gegessen werde oder wovon es noch ausreichend gebe.

Gut, sagt sie und richtet sich auf, das Stück ist jetzt zu Ende. Ist es nicht, sagt der Regisseur. Ist es doch, sagt sie. Ist es nicht, sagt der Regisseur. So geht es hin und her, bis die Heldin aufsteht, sich auf das Sofa legt und den Schluss des Stückes spielt. Die Decke über den Beinen, die Fernbedienung in der Hand und auf dem Bildschirm das Foto eines unbekannten Mannes. Das kann doch nicht wahr sein, ihr habt sie doch heute nicht mehr alle, brüllt der Regisseur, doch die Heldin hat nun eine neue Rolle gefunden: Sie spiegelt den Gesichtsausdruck des Mannes vom Bild und blickt den Regisseur fast ohne zu blinzeln an. Der schmeißt die Tür zu, als er geht.

Der Held sitzt währenddessen einem leeren Stuhl gegenüber und fragt sich viel oder fragt sich nichts. Er redet in den Raum hinein und kann mit diesem leeren Stuhl besser sprechen als mit allen sonst. Er sieht den Stuhl fragend an. Was ist das für ein Tag. Der Stuhl schweigt. Hast ja recht, sagt der Held, das ist auch wirklich egal.

5. Akt
Woanders geht es anders weiter

Am Ende des Stückes, das kein Stück mehr ist, ergreift der Regisseur die Flucht nach vorn. Sein Fluchtauto ist ein Bus. Er fährt so lange, bis ihm warm wird, trotz allem Schwitzen friert er. Später wird er sagen: Ich sage zu der ganzen Sache nichts. Das geht Sie alles nichts an. Ich bin besser als Schlöndorff, Fassbinder, Pollesch, besser als alle drei zusammen, aber ich behalte jetzt alles für mich. Für irgendwen, und das schwöre ich Ihnen, wird das wie eine fürchterliche Drohung, wie eine wirklich schlechte Nachricht klingen.
Diese Person will er finden.
Ja, diese Person muss aufzutreiben sein.
Drei Stunden später, der Regisseur fährt noch immer Bus, steht er auf und sagt: Hat hier jemand ein Stück bestellt, ich habe ein gutes dabei.
Die Heldin in der Wohnung erhebt sich vom Sofa und spielt nochmals mit dem Licht.
Der Held fährt durch den Regen.
Es ist so spät wie es spät ist und morgen ist ein anderer Tag.

Bildarchiv

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Herbert Hilbe wurde 1960 in Liechtenstein geboren und studierte nach einer kaufmännischen Lehre Linguistik und Europäische Volksliteratur in Zürich. Als Linguist und Sachbuchautor beschäftigt er sich vor allem mit Sprache, Mundart und der liechtensteinischen Sagenwelt. Seit einer schweren Krankheit muss er etwas kürzer treten. Herbert Hilbe lebt im liechtensteinischen Triesen und in Lochau am Bodensee.

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Thomas Köck wurde 1986 in Wolfern, Oberösterreich, geboren. Er studierte Philosophie und Literaturwissenschaft in Wien und Berlin sowie Szenisches Schreiben an der UdK Berlin. Für seine Theaterstücke wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Kleist-Förderpreis und dem Dramatikpreis der österreichischen Theaterallianz. In der Spielzeit 2015/16 ist Thomas Köck Hausautor am Nationaltheater Mannheim.

Thomas Köck und Teilnehmerin Christel Pangerl, Foto: Franziska Janke

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Textvorschau Koeck

Thomas Köck
2:26 (nachtrag zum einundzwanzigsten jahrhundert

zweiuhrsechsundzwanzigzweiuhrsiebenundzwanzig

zweiuhrachtundzwanzig und

da ist er wieder über dir

der riss der
sich quer über die decke ausbreitet bis
zu den fenstern läuft die
wände herunter klettert den
teppichboden aufreißt sich ins
sediment reinbeißt sich vom garten quer
übers land hin ausbreitet die
straßen kreuzt wälder verschluckt ozeane
abfließen lässt die
ganze welt zerteilt in grenzen zonen und gebiete bis
er irgendwann bei dir ankommt der riss vor dir
sich aufreißt durch dich
durchschießt dieser riss die naht
die dich mit dir selbst verbindet dieser riss
der spuren hinterlässt in dir von
dir

zweiuhrneunundzwanzig

zweiuhrdreißig und du denkst dir

das hat doch alles nichts mit dir zu tun hier

der stuck nicht und

die tabletten auch nicht

es sieht zwar hin und wieder danach aus

es fühlt sich oft an wie dein leben

was auch immer das heißt

ihr habt einander eingerichtet du und das andere hier

das man sich überzieht um missverständnissen aus dem weg zu gehen

und von draußen schaut immer wieder mal der riss herein

und du schaust zurück sagst

servus zum riss und

willkommen sagst du auch und

dann stehst du da im wohnzimmer mit dem riss

vor diesen ecken

in denen irgendjemand lebt der

dir ähnlich ist

deine bettlaken benutzt

deinen toaster benutzt

und viele seltsame geräte besitzt

von denen nicht klar ist

wozu es sie gibt aber jemand hier besitzt

diese dinge jemand den

du allerdings überhaupt nicht kennst

jemand den andere menschen sehen würden

würden sie durch dein leben gehen während du schläfst was

würdest du sehen würdest du sehen wie dich andere menschen sehen

eine statistenrolle in einem horrorfilm oder

eine fehlbesetzung in einer romanze

wahrscheinlich eine wiederholung eines heimatfilms

denkst du dir

an einem schwülen nachmittag und

ein physiker in großaufnahme erklärt jetzt dass

nach neuesten erkenntnissen der raum nur

eine holografische projektion ist er sagt

die entropie schwarzer löcher ist dafür das wichtigste argument

er sagt dass

zu jeder beschreibung eines raum-zeit-gebietes eine äquivalente beschreibung existiert die nur

betont er

auf dem rand dieses gebiets lokalisiert ist

was bedeutet dass

die maximal mögliche entropie eines raumgebietes nur von dessen oberfläche abhängt das heißt

sagt er

dass der raum eine dreidimensionale projektion

des informationsgehalts einer zweidimensionalen fläche ist

ein hologramm von etwas längst vergangenem

oder knapper

information gleich fläche

und du fragst dich

was die sehen würden diese
menschen von dir

würden sie durch dein leben gehen während du schläfst

sie würden sehen dass du das licht im oberen stock immer anlässt

und dass auch farben nebeneinander existieren können von denen man es zuerst vielleicht nicht erwartet hätte

und sie würden sehen hier
steht ein

verängstigter fernseher

und erinnert sich an das

zwanzigste jahrhundert damit wir
nichts davon vergessen

das macht der auch alleine wenn alle schlafen und am ende bleiben

die maschinen und die bilder

die erzählen vom menschen

der plötzlich weggeschlafen war einer
nach dem anderen bis

sie alle eingeschlafen waren

all die körper

gekrümmt vor erschöpfung während die maschinen laufen

und berichten erzählen und weitermachen und

ein anderes programm anbieten und sich in wirklichkeit ununterbrochen wiederholen

ununterbrochen wiederholt sich die geschichte während alle schlafen

ununterbrochen wechselt die geschichte

in die werbung

was für eine welt

auf der einfach alle schlafen all die körper gekrümmt vor
erschöpfung

während die maschinen laufen in einer welt aus bildern

die wir uns nicht aussuchen können

die ewig weitermachen und die

fußball wm macht weiter und die

emails machen auch weiter

die berge machen weiter

und der himmel macht auch weiter

und die seltsamen dinge wiederholen sich

und der kapitalismus macht weiter der macht immer weiter

ununterbrochen schmeißt der körper über die welt und bilder und worte

bis sie allen wert verloren haben und

trotzdem macht dann einfach alles weiter

all die bilder

die überhaupt

niemanden mehr interessieren die sich aber tief

ins sediment aller träume hineinbeißen

wo sie sich in den untersten schichten niederlassen bis sie

dann dieses bild von uns sind

und wir haben vergessen was da

vor dem bild einmal war

und was würden wir alle sehen würden wir schlafen

und uns dabei beobachten wie wir daliegen und schlafen

und durch unsere leben gehen über den planeten spazieren

während wir schlafen

während die bilder weitermachen und vom menschen erzählen

wir würden sehen dass

am ende des kühlschranks immer ein licht leuchtet

wir würden sehen dass man den stuck auch als unterhaltung betrachten kann

als eine etwas seltsame form der unterhaltung – zugegeben

aber dass wir zur not immer das programm wechseln können

wir würden sehen dass uns immer jemand fehlt

wir würden sehen dass wir uns weigern zu vergessen

wir würden sehen dass

wir immer noch etwas gesucht haben von dem wir nicht gewusst haben was es war wir

haben ununterbrochen weitergesucht bis

wir irgendwann vergessen haben was wir eigentlich gesucht haben wir haben

alles in form gebracht alles sortiert und aufgehört zu suchen

weil wir vergessen haben wonach wir suchen

und wir haben versucht uns zu erinnern nocheinmal aufgeschrieben haben notiert was wir brauchen

vor allen dingen einen klaren kopf

und vorne drauf ein passendes gesicht

auch wenn auf den ersten blick nicht klar ist welches gesicht zu welchem kopf passt

oder auf den zweiten blick

oder auf den dritten blick

wahrscheinlich hat noch nie irgendein gesicht tatsächlich zum darunterliegenden kopf gepasst

wahrscheinlich ist jedes gesicht im prinzip eine horrorgeschichte

das uns aus einer komplett anderen welt heraus anstarrt

etwas erschreckendes

ein schwarzes loch

eine möglichkeit

einer begegnung mit dem radikal anderen

was also würden wir sehen würden wir uns selbst sehen

wir würden eine plauze sehen mehrere köpfe und einen hintern

und hände und wörter

und noch mehr wörter

die die körper sortieren

ob die wollen

oder nicht

und zwischen all den körpern und all den wörtern

entstehen andauernd reste

überbleibsel

fragmente

spuren

die uns beobachten

die etwas über uns erzählen

eine geschichte von uns die wir selbst allerdings

überhaupt nicht lesen können

muster die wir andauernd sehen aber nicht wahrnehmen

spuren die lange vor uns da waren

und lange nach uns bleiben werden

spuren die uns immer wieder erinnern

an wege

die andere schon vor uns gegangen sind

denen wir uns anpassen können

oder nicht

spuren die zeichen werden die wir

versuchen zu verstehen um nicht

vom weg abzukommen um in wirklichkeit

unseren eigenen spuren zu folgen

spuren

denen wir auch dann folgen

wenn wir uns verirren

und überhaupt folgt man den eigenen spuren nur

um am ende vom weg abzukommen und

die orientierung zu verlieren

soviele spuren die alle

irgendwohin laufen

soviele muster die irgendetwas bedeuten

das vielleicht einmal irrelevant sein wird

die irgendjemand anders irgendwann einmal wird lesen können um
dann etwas über uns zu verstehen von dem wir nicht einmal wussten dass

es da ist

hier

und jetzt

und

fin de la bopine

Bildarchiv

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Christel Pangerl wurde 1941 in Konstanz am Bodensee geboren. Sie ist Mutter dreier Kinder und gelernte Damenschneiderin. 1998 machte sie eine Ausbildung zur Puppenmacherin, für ihre selbst produzierten und selbst modulierten Porzellanpuppen erhielt sie seitdem zahlreiche Auszeichnungen. Christel Pangerl lebt mit ihrem Ehemann in Gamprin.

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Michael Stauffer (auch: Dichterstauffer) wurde 1972 in Winterthur geboren. Er studierte Deutsch, Französisch und Bildnerisches Gestalten. Seit 1999 ist er ausschliesslich künstlerisch tätig. Er macht: Prosa, Hörspiele, Performances, Theaterstücke, Lyrik, singt und improvisiert. Er lehrt am Schweizerischen Literaturinstitut der Hochschule der Künste Bern. Dichterstauffer lebt und arbeitet in Biel, Schweiz und Europa.

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Textvorschau Stauffer

Michael Stauffer
LLND, Liechtensteinischer Landes-Nachrichten-Dienst

Es ist so: Dieser Auftrag, den ich habe, der kommt indirekt schon von der Firma Megapixel, eigentlich kommt er aber aus dem Ministerium für Inneres, Justiz und Wirtschaft, verordnet von Herrn Minister Zwiefelhofer. Assistiert hat dem Projekt Andreas Schädler, Abteilung Staatsschutz und Vorermittlung. Es geht bei dieser ganzen Geschichte – das ist übrigens das Logo der Firma –, es geht bei dieser ganzen Geschichte um die Ausbildung neuer Mitarbeiter für diese Abteilung, die stark vergrößert werden sollte und dann ein eigentlicher Geheimdienst werden möchte. Mein Auftrag ist heute, Ihnen diese Sachlage zu erläutern, vor allem die Methode, die wir getestet haben an drei Bewohnern, quasi zu erklären, wie das funktioniert, auf der Suche wonach wir waren und ob wir es gefunden haben. Es geht um Heimlichtuerei, davon lebt unser Geschäft. Ein Heimlichtuer – Heimlichtu-Herr oder Heimlichtu-Frau oder Heimlichtu-Kind, ist eigentlich egal, wir sind da breit aufgestellt. Wir suchen Männer, Frauen, Kinder… sie werden sehen, auch Tiere sind sehr gesucht, Kleinkinder sind auch sehr geeignet.Ich erläutere Ihnen kurz die gesetzliche Grundlage, nur damit Sie nicht denken, wir würden etwas Illegales tun. Es ist sehr wichtig in so einem kleinen Land, dass man nur legale Dinge tut. Der Zweck unseres Geheimdienstes ist die Sicherung unserer demokratischen und rechtsstaatlichen Grundlagen – ich zeige Ihnen einfach mal weiter ein paar Bilder unserer Büros, damit Sie auch wissen, wo wir arbeiten. Wir sind sehr demokratisch, wir freuen uns auf Besuch. Wir möchten die Sicherheit der Bevölkerung dieses Landes sowie aller Bewohnerinnen und Bewohner erhöhen. Und auch die Sicherheit derjenigen von uns, die in Wien wohnen oder Berlin, möchten wir besser schützen, oder in der Schweiz oder in Genf oder wo auch immer die wohnen. Weiter möchten wir mit unserem Geheimdienst die Handlungsfähigkeit unseres Landes aufrechterhalten. Die ist momentan stark gefährdet, kann ich Ihnen verraten. Und wir möchten auch ein bisschen (aber das ist eigentlich nur zur Tarnung) die Wahrung internationaler Sicherheitsinteressen vorgaukeln. Das ist zweitrangig, aber das mussten wir auflisten, weil wir wollten nicht so eindeutig offenlegen, was wir wirklich tun möchten. Natürlich ist das alles in der Verfassung festgelegt, das wird kontrolliert werden undsoweiter, das ist überhaupt kein Problem. Wir möchten natürlich auch den Werkplatz – das mussten wir auch extra so formulieren: Werkplatz. Weil in Liechtenstein ja so viel produziert wird. Wir konnten nicht direkt schreiben „Finanzplatz“, weil das wäre aufgefallen. Deswegen: Zum Schutz des „Werk-, Wirtschafts- und Finanzplatzes“ möchten wir unseren Geheimdienst einsetzen … Ich zeige Ihnen einfach mal ein weiteres Büro, hier sehen Sie verspiegelte Fenster. Auf der anderen Seite auch. Ein lustiges Spiel zwischen Geheimdienstmitarbeitern ist am Morgen – Entschuldigung –, wenn man sich nicht sieht, durch die Fenster einander zuzuwinken, das ist eine Deformation, die unser Beruf mit sich bringt, …eine erste, die aber sehr … ich meine es ist sehr wichtig, so zu tun, als wäre man gar nicht da, und gleichzeitig zu wissen, dass man trotzdem beobachtet wird. Das sind wichtige Kompetenzen: Anwesenheit durch Abwesenheit und Abwesenheit durch
Anwesenheit vorspielen.Ich komme jetzt auf das eigentliche Projekt zu sprechen: Sie sehen hier jetzt also eine Aufnahmereihe, wo ich meine Mitarbeiter schule in Normalsein.
Was heißt das?
Nicht auffallen, ein bisschen auffallen im richtigen Moment, im unrichtigen Moment sehr stark auffallen etc.
Es geht bei uns um den Überbegriff der „Legendierung“ oder der „Tarnidentitäten“. Das ist eine aufwendige Sache. In dieser Übungssequenz habe ich einem Mitarbeiter gesagt: Geh einkaufen.
Legende, das kennen Sie, auf gut Deutsch heißt das, jemand erfindet für sich eine Geschichte, das heißt dann Legendierung. Hier also Legendierung: Wie einer einkaufen geht.
Das ist sehr wichtig. Der Mensch muss wissen, wo er einkauft. Sonst weiß er ja gar nicht, wo er herkommt oder wer er ist. Über das Einkaufen stellt ein Mensch den größten Teil seiner Identität her. Hier also die Übung: Geh einkaufen! Kauf Schweizer Produkte, dann fällst du nicht auf. Oder kauf nur Aldi-Produkte, dann fällst du extrem auf. Je nachdem, wer dich dabei beobachtet.

Der Mitarbeiter sollte dann eben unauffällig einkaufen. Wie macht man das. Das ist die nächste Schwierigkeit. Es muss halb zielgerichtet aussehen, Käse, kurz zögern, also hier, Parmesan, oder … ich weiß jetzt gar nicht, was der da wollte. Nicht zögerlich aber auch nicht zu unzögerlich. Weil es wird oft, also wir beobachten oft die Bewegung eines Menschen. Einer, der so komplett gelähmt irgendwo steht, der fällt sofort auf. Einer, der sich ganz hektisch bewegt wie ein Drogenkonsument, der fällt uns auch sofort auf. Gefährlich sind die Menschen mit halbgezielten Bewegungen, die dann im letzten Moment ändern, was man dachte, was sie gerade tun wollten. Die sind schwer zu durchschauen. Deswegen üben wir mit ganz, ganz einfachen Tätigkeiten wie Einkaufen.

Wir suchen auch Kinder für unsere Ausbildung. Sie werden es in der Folge … ich habe noch eine Dokumentation vorbereitet, die ein Paar zeigt, dass ich engagiert habe, also gefunden und engagiert habe. Ein Paar mit Kind. Kinder sollte man natürlich so unauffällig wie möglich anziehen, also wie hier, nicht dass wenn Besuch kommt, dass der schon merkt: Uh, hier wohnt eine besondere Familie, die haben sicher einen besonderen Beruf. Nein man sollte ganz einfache Kleidung wählen für Kinder. Und man sollte sie auch normal ins Bett sperren, nicht irgendwie kompliziert. Dann, wichtig, normal stolz auf das eigene Kind sein, nicht übertreiben, nicht den ganzen Tag Kinderwagenübungen machen. Das fällt doch jedem auf, wenn man zu oft spazieren geht, das wäre schon schlecht als Mitarbeiter. Wir üben sehr oft im privaten Alltag, ich bin oft bei meinen Mitarbeitern zuhause und wir machen im Alltag ganz normale Übungen. Ich werde Ihnen später noch eine Fitnessübung zeigen, die wir auch einfach möglichst normal durchführen, dass wir nicht auffallen.

Das aktuelle Problem in Liechtenstein ist, wir sind hier stark unterwandert von ausländischen Geheimdienstmitarbeitern. Die Dichte in Liechtenstein an ausländischen Geheimdienstmitarbeitern ist so hoch, weil die alle an unsere Finanzdaten ran möchten. Es ist für uns sehr schwierig zu unterscheiden, wer normal ist, also zu uns gehört, wer nicht normal ist, wer ist bei uns im Geheimdienst ist und wer in einem ausländischen Geheimdienst ist. Wir möchten die täuschen, alle, wir möchten die alle täuschen, dass die gar nicht mehr wissen, wer hier allenfalls nette oder gute Finanz-Dinge tut. Wie gesagt werden auch Tiere ausgebildet, habe ich schon erwähnt. Wir haben dazu die Zusammenarbeit gesucht mit der Schweizerischen Blindenhundeausbildung, die dauert acht Monate. Ich weiß nicht, ob sie das wissen, so ein Hund ist teuer. Acht Monate Ausbildung, was denken sie, was das kostet?
20.000 Euro oder Franken, wenn Sie lieber in einer stabilen (VERSPRICHT SICH MASSIV) Werbung zahlen … Werbung! Währung? Werbung!

Werbung für den Schweizer Franken, nicht zu viel kaufen, sonst wird es bei uns schwierig, es ist schon schwierig, bitte verkaufen, Franken verkaufen. (DREHT VÖLLIG DURCH.) Also: Stabiler Hund, Entschuldigung, stabile Werbung, nein Währung, Entschuldigung, Ausbildung eines stabilen Hundes zur stabilen, zur Ermittlung, zur … der Hund kann vieles!
Der kann … er kann zum Beispiel als Datenträger benutzt werden. Ich habe ein Hundehalsband entwickelt mit USB-Steckplätzen zur Übermittlung der Daten. Wenn ich in Gefahr gerate, zack, den Datenstick rein, der Hund weiß genau, wo er hinmuss, der geht sofort zum Andreas Schädler ins Büro, oder direkt ins Innenministerium.

Wichtig ist auch, wie unsere Mitarbeiter wohnen. Ich sage immer: Macht’s harmlos, dass jeder denkt, hier wohnt ein Junggeselle, der gern Bier trinkt. Oder mach’s angenehm. Eben hier das Skateboard aus der Jugend, da ist nichts Verwerfliches. Es ist sportlich, aber sonst … ja, Skateboard aus der Jugend, ich hab schon gesagt: Mach’s unauffällig, aber nicht zwei Skateboard. (REGT SICH AUF) Mach eins hin, nicht zwei, du … Ich muss glaube ich noch mal mit dem sprechen, der hier das… Und auch so nahe an der Tür, das ist unglaubwürdig, das heißt höchstens, du warst mal sportlich, das ist nicht gut.
Mein Ausbildungszentrum. Hier lernen wir die Beherrschung diverser Software, zum Beispiel I-ASA-Dex, die integrale Analysesystemgewaltextremismus-Software, mit der wir die Erfassung, Bearbeitung und Auswertung von Informationen, die den gewalttätigen Extremismus betreffen vornehmen. Das ist in Liechtenstein sehr wichtig, Sie wissen es nur noch nicht. Die zweite Datenbank, die ich im Ausbildungszentrum vermittle, heißt: Index-NDDB. Das ist ein Informationssystem, mit welchem wir Zugriff auf Personen, Organisationen, Gruppierungen etc. von, über, das, äh … weiter kann ich’s jetzt nicht sagen, sonst wissen Sie, was da drinsteht. Dann haben wir noch ein sehr schönes System, das OSIP, das Open Source Intelligence Portal. Das ist schwierig in der Bedienung, weil aus den 80er Jahren stammend, als es noch keine schönen selbsterklärenden Oberflächen gab. Mein Lieblingssystem ist das Quattro P, von einem italienischen Kollegen entwickelt. Das ist ein Informationssystem, das, … man kann damit vor allem ausländische Personen … es wurde uns ja von der Europäischen Union und von den Amerikanern nahe gelegt, wir sollten besonders die ausländischen Personen, die kurzfristig zu uns kommen, untersuchen, und deswegen haben wir dieses Quattro P, … äh.

Hier bin ich mit einer Mitarbeiterin aus dem östlichen Nachbarland. Ich war auch in einer Schulung in Armenien, das ist ein sehr weit entwickelter demokratischer Staat, wo wir vor allem über Oligarchie gesprochen haben. Ich muss ja mehr wissen als meine Mitarbeiter. Da war ich mit einem Oligarch in seinem … äh … So, von den Schweizer Kollegen haben wir vor allem übernommen, wie man Versteck macht. Versteckis spielen, nennen das die Schweizer. Die Schweizer, das weisß man ja, die verstecken sehr gut, da kann man sich was abschneiden oder nehmen oder lernen. Und zwar haben wir gemerkt, diese Datenträgersache, das ist heikel, wenn das mal im Internet ist, dann ist das weg. Also wir nehmen das alles wieder raus, machen es physisch und suchen deswegen auch physische Verstecke.
Hier eine klassische Trockenmauer mit Löchern. Das Problem ist, man muss bei einem Versteck, immer darauf bedacht sein, dass es möglichst unauffällig ist, dass das niemand denkt, hier ist etwas versteckt. Und vor allem muss man wissen: Ist überhaupt etwas versteckt? Weil sonst sucht der Kollege unter Umständen sehr, sehr lang.

Wir haben Methoden, wo wir unseren Kollegen signalisieren: Achtung, hier ist etwas versteckt. Dann geht der zuerst drei, vier Mal vorbei und ist sensibilisiert, dass er hier suchen sollte, wenn er unbeobachtet ist, sonst geht er einfach schnell vorbei. Bei der Trockenmauer ist es so: Wir haben einen Stein, der fehlt, das gibt ein schwarzes Loch. Wenn dieser Stein fehlt, heißt das für uns: Hier ist nichts versteckt. Wenn der Kollege den Stein eingesetzt hat, ist etwas versteckt, aber natürlich nicht dort beim Loch, weil das würde ja jeder Vollidiot genauso machen.
Das ist die sogenannte Holzscheit-Depot-Lösung, HDL. Sie sehen, hier gibt es ein Stirnhölzer, das gekerbt ist. Es gibt zwei Diagonalen, die sich kreuzen, die sehen Sie, … So ein Kreuz auf einer Stirnseite heißt: Hier ist etwas versteckt. Wenn der Kollege nichts versteckt hat, nimmt er das Querholz raus, dreht es um, schiebt es wieder hinein und dann sehen Sie nur eine Diagonale. Wichtig, diese Verstecke an Orten wählen, wo niemand sonst vorbeikommt, sonst ist es ja kein Versteck mehr.
Kapitel Dienstfahrzeuge, kann ich Ihnen noch schnell … , da gibt’s verschiedene, hier sehen sie die Modelle „Standard“, mit denen fahren wir täglich rum. Damit fällst du überhaupt nicht auf. In ärmeren Gegenden würde das schon auffallen, aber in Liechtenstein ist man mit den hier zu sehenden Gefährten eigentlich schon am untersten Ende des noch fahrbaren sozialen Symboles.

Kommunikation nur über WhatsApp. Weil wir haben festgestellt, Massen-Sendegefäße, die senden so viel, da kann gar niemand … auch wenn du das alles speicherst, da findest du nichts mehr. Also alles nur auf den absolut unsichersten Kanälen versenden. Das sage ich meinen Mitarbeitern immer: Schick’s per Mail, schick’s per WhatsApp, völlig ungefährlich, da sucht niemand, respektive, da ist so viel Müll, da findet niemand was.

Ausbildungssequenz: Normal essen gehen. Auch wichtig, wenn Sie Kunden – also Kunden sagt man ja nicht, man sagt Objekte. Sie müssen die ja, je nachdem, einladen, damit sie mit ihnen reden. Andere reden schon freiwillig. Aber manche muss man zuerst füttern. Gehen Sie also an einen unauffälligen Ort essen, sage ich immer zu meinen Mitarbeitern. Ich hab auch schon oft gesagt: Gesund essen. (REGT SICH AUF) Aber gut, … essen Sie halt ungesund, der Gast muss sich wohl fühlen, er soll alles leer fressen, auch wenn’s nachher schwer auf dem Magen liegt, überhaupt kein Problem. Zum Schluss zeige ich Ihnen noch kurz eine Schläferwohnung, eine so genannte. Von außen wenigstens. Ganz hochwertige Abhörgerätschaften, die wir hier, direkt aus den Sechzigern, also vor dem Krieg noch importiert … Abhörsystem im Keller. Dann … hier, Blend-Sichtschutz, sehr wichtig. Dann hier zum Beispiel, äh … Jetzt kommen wir zum Paar. Das wollte ich Ihnen ja noch sagen, wieso wir Paare suchen. Die können in der Freizeit ihre Fitness, also ihre körperliche Ertüchtigung machen, die wir dann nicht zahlen müssen. Hier ist eine Übung für … für diesen Muskel an der Seite (ZEIGT AUF SEINEM KÖRPER AUF IRGENDWELCHE MUSKELN) des … also für den Mann sehr wichtigen Muskel. Das ist von früher als er noch, also: besser. Und jetzt die Übung! Diese Übung besteht in … und danach kann man sich auch ausziehen wenn man möchte. Und so sind unsere Mitarbeiter immer, wie so sind die dann gut, gela … ge, ge … die sind einfach … Zum Schluss, damit Sie von der Ernsthaftigkeit meines Geheimdienstprojektes überzeugt sind, eine praktische Übung mit dem Namen: Versteck die CD. Sie sehen die Einsatzperson mit Dienstwagen, Dienst … ich sag’s nicht, Sie wissen’s noch: Dienstwagen, Diensthund, unauffällig spazieren gehen, observieren, das Ziel … ist jemand da … ist niemand da … ah, da ist jemand … ja, da ist noch ein anderer, der sucht Pilze … die dritte hat ein Kind, das hebt das Bein vor der Brücke … Ich muss warten. Warten, bis die alle an mir vorbeigegangen sind. Jetzt steht die immer noch dort. Die CD wurde nicht übergeben. Diese Übung habe ich dann abgebrochen, nach vier Stunden.

Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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Samantha Zogg wurde 1989 in Liechtenstein geboren und studierte sie TV-Journalismus und TV-Producer in Hamburg. Seit drei Jahren lebt sie wieder im Fürstentum in Balzers und arbeitet als Redakteurin und Moderatorin beim einzigen Radiosender des Landes. Ihre liebste Hauptaufgabe ist zurzeit aber ihrer Tochter, die im Januar 2016 zur Welt gekommen ist.

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