Megapixel Hildesheim

Megapixel Hildesheim (2015) ist ein Literaturprojekt, das spielerisch nach dem Erzählen in der Transparenzgesellschaft fragt. Hildesheim wird zum Schauplatz und drei HildesheimerInnen zu ProtagonistInnen einer außergewöhnlichen Erzählungen – geschrieben von Lucy Fricke, Heinz Helle und Jakob Nolte.

Lucy Fricke
Der Tag, an dem sie begann, Katzen zu hassen

Heinz Helle
Die Begutachtung einer Wand

Jakob Nolte
Sollte Kenia seine Truppen aus Somalia abziehen?

Fotos: Vera Rocke

Fotos: Dieter Klein

Fotos: Lea Lang

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Lucy Fricke (links im Bild) wurde 1974 in Hamburg geboren. Nach Durst ist schlimmer als Heimweh und Ich habe Freunde mitgebracht erschien 2014 ihr dritter Roman Takeshis Haut im Rowohlt Verlag. Sie arbeitet als Journalistin für verschiedene Zeitungen und schreibt Glossen für die taz. Für ihre Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt war sie Writer in Residence an der Universität Iowa/USA und in der Villa Kamogawa/Kyoto des Goethe-Instituts Japan. 2010 hat sie das Literaturfestival HAM.LIT gegründet, das sie seitdem organisiert und kuratiert. Sie ist Mitglied der Jury für den Friedrich-Luft-Preis und gehört seit 2014 zum Vorstand von KOOK e.V. Lucy Fricke lebt in Berlin.

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Lucy Fricke
Der Tag, an dem sie begann, Katzen zu hassen
Von einem Tag auf den anderen hat man plötzlich Heuschnupfen, Knieschmerzen, ist alt oder hasst Katzen. Dinge ändern sich schleichend, über Nacht werden sie wahr. Man wacht auf, etwas hat sich verschoben, und meistens in keine gute Richtung.
An diesem Morgen ahnt sie es sofort, sie stellt den Blick scharf, sucht das Schlafzimmer ab.
Ein Mann im Bett. Das ist immer gut, denkt sie, wenn da ein Mann liegt, einer, den man kennt. Das muss man sich immer wieder klar machen, dass das nicht selbstverständlich ist, auch wenn es so aussieht. Und den hier kennt sie, der liegt da ziemlich vertraut auf der Matratze. Ihr Blick wandert weiter, sie dreht den Kopf, sieht dieses Tier und seine Hand, die daneben ruht.Auf ihrem Platz, auf dem Platz, der ihr gehören sollte, sitzt das Tier und guckt zur Seite, beschämt. Und er peinlich berührt.
Sie ist sich plötzlich gar nicht mehr sicher, ob überhaupt sie in dem Bett übernachtet hat. Ob es nicht doch die Katze war, wie lange das schon geht. Nichts scheint ihr mehr sicher.
Frauen und Katzen sind ja so eine Sache, aber Männer und Katzen, da ist Vorsicht geboten. Wenn ein Mann mit einer Katze, wenn ein Mann mit einer Katze im Bett liegt, wenn er so mit einer im Bett liegt, wenn er. Da hakt etwas aus bei ihr, da dreht etwas durch, das ist schon kein Zweifel mehr, das ist Verachtung, das ist Panik.
Sie weiß nicht, was sie denken soll, will nur raus aus diesem Zimmer, sie fühlt, wie ihr die Gesichtszüge entgleiten, wie sie droht, die Kontrolle zu verlieren. Sie blickt in den Spiegel, den ihr vertrauten Spiegel, ein Kontrollblick nur, ob sie noch da ist, ob alles an ihr noch an seinem Platz ist, ob sie sich selbst etwas ansieht. Aber sie sieht nichts. Sie kann sich gar nicht erkennen.Sie franst aus, verliert alle Konturen, wird unscharf. Egal jetzt. Einfach so tun, als sei nichts. Als würde ihr diese Katze nicht den Platz wegnehmen. Dieser Pestfetzen. Tuch zurechtrücken, Jackenkragen richten, runterkommen. Erstmal Auto fahren.

Alles ganz normal. Sieht hier aus wie immer.
Den Weg kennt sie so gut, da muss sie gar nicht mehr hingucken, blind fährt sie den. Das Schild mit Orten, die nach missglückten Versprechen klingen: Linden-Hanomag-Fischerdorf. Da gehört überhaupt nichts zusammen, denkt sie. Ein Unfall ist das. Was da für eine Wut in ihr ist, so eine Wut hatte sie schon lange nicht mehr, sie kann sich gar nicht erinnern. Sie muss sich beruhigen und hält kurz vorm Rewe. Jetzt haben die hier schon die Kohle aufgestellt.

Das ist kein Angebot, das ist ein Auftrag. Geht die ganze Grillerei schon wieder los, denkt sie. Ein Steak für ihn, paar Würstchen für mich und noch eine Makrele für die Katze. Nein, danke. Diesen Frühling aber ohne mich. Sie würde es am liebsten laut schreien: Aber ohne mich!
Und sie macht, was man machen muss, bei einer solchen Laune: Gut zu sich sein, sich aufbäumen gegen das Böse, die Zurückweisung. Das hat sie in den Ratgebern gelesen: Kauf dir selbst eine Blume. Eine Rose, in deiner Lieblingsfarbe, auch wenn es gelb ist, das macht doch nichts, sie ist ja für dich. Für dich ganz allein, weil du es wert bist. Sie stürmt rein in den Laden, zielstrebig, und kriegt, was sie will.
Immer so weiter, die Rose vorm Gesicht. Das steht ihr und tut auch ihrem Blick gut, nichts mehr denken, nichts mehr sehen, alles Rose.

Ihr Büro, ihre Arbeit, sie versucht sich zu konzentrieren, es sieht alles genauso aus wie gestern, wie letzte Woche, wie den Monat davor, es hat sich gar nichts geändert.
Wie fremde Wesen blickt sie all diese Geräte an. Eine Aufforderung neben der anderen steht auf ihrem Schreibtisch. Diese fiesen, kleinen Maschinen wollen alle was. Doch sie kann nicht, kann sich nicht überwinden, sitzt nur da und sieht sie an, wie sie dort stehen, ganz unschuldig.

Alle tun sie unschuldig. Männer, Katzen, Computer, als wüssten sie von nichts. Das kann sie auch, das kann sie besser als jeder andere, ahnungslos tun, sich wegducken. Es ist ein perfektes Büro dafür, hier sieht sie niemand, hier sitzt sie allein. Hauptsache sitzen, überhaupt da sein, nichts tun, nichts denken, das Spiel kann beginnen. Sie wird sie alle besiegen, denkt sie, sie kann jedes Spiel gewinnen, gegen jeden, sogar gegen sich selbst.
Wie schön das aussieht. Wenn es nach ihr ginge, würde die Welt aus Rosen und Mahjong bestehen. Das wäre eine gute, eine ehrliche Welt. Ohne Sorgen, Untreue, Eifersucht, Demütigungen, eine Welt ganz ohne Gedöns. Und wenn sie genug hat vom Spielen, dann wieder Blumen. So könnte es gehen, das Leben. Und sie weiß doch, so geht es nicht. Irgendwann wird sie aufstehen müssen, sich aufbäumen, den Dingen eine andere Richtung geben. Niemand kann alles auf sich sitzen lassen, dafür gibt es gar nicht genug Blumen beim Rewe und auf ihrem Bildschirm schon mal gar nicht.
Ihren Rücken spannt sie, wirft einmal den Kopf in den Nacken, spürt die Kraft in sich. Alles in ihr macht sich bereit, bis in die Fingerspitzen. Jetzt den Blick schärfen, klar sehen.

Undurchdringlich wird dieser Blick sein, in alle verdammten Seelen wird sie blicken können.
Sie zieht die Strümpfe hoch, die Schnürsenkel fest, den Bauch ein, erhebt sich, blickt in den Spiegel, aufrecht und stolz. Da bin ich doch, da ist doch alles dran und unbeschädigt. Nur wer die Zicke neben ihrem Bild ist, das weiß sie nicht, das fragt sie sich schon seit Jahren.

Doch da steht sie drüber, über allem und jedem steht sie.
Beim Verlassen des Büros blickt sie niemanden an, alles an ihr ist nach vorn gerichtet, als würde sie getrieben. Das fühlt sich gut an, einfach so rausmarschieren mitten am Tag.
Nichts kann sie aufhalten.
Erst recht keine rote Ampel an einer verlassenen Kreuzung. Für wen soll denn die bitte rot sein?! Für sie ja wohl kaum. Für sie ist hier gar nichts mehr rot, für sie sind alle Ampeln grün, ach was, für sie gibt es gar keine Ampeln mehr.

Gleich schon ist sie da und sieht sie vor sich. Zarte, wunderschöne Wesen, mit einer reinen Seele. Und so billig. So eine eigene, kleine Liebe kostet kaum was. Jemanden anderen zu lieben muss gar nicht teuer sein, so jemanden gibt es an jeder Ecke, in jedem Gang, jedem Regal. Nur 2,99 € und du hast etwas, was nur dir gehört, was nicht in fremde Betten kriecht, was sich weiß zu benehmen und sowieso keinen Ausweg kennt. Wo soll so einer denn hin? Nirgends, nichts als Wände um ihn herum. Da läuft dir keiner weg. So hübsch, so billig. Da nehme ich einen von, denkt sie, kann sich kaum entscheiden, aber der unten rechts, der gefällt ihr gut, der so kriecht am Boden. Das ist ihr altes Helfersyndrom, sie hat schon immer die gemocht, die unten schwimmen. Wenn die mal aufsteigen, vergessen sie dich nie. Also den. Und jetzt noch die Fassade wahren. Ganz wichtig, sich nichts anmerken lassen, alles tun wie an jedem anderen Tag.

Miamor, du kannst mich mal, Miamor. Du wirst dir die Krallen blutig kratzen am Glas meiner neuen Liebe. Den wirst du nicht bekommen, an dem wirst du verzweifeln, in den Wahnsinn wird er dich treiben, weil du ihn niemals bekommen kannst. Du willst Krieg? Den kannst du haben. Ich bin bereit, das denkt sie immer wieder, ich bin bereit. Sie hat fast Angst, es laut zu sagen, hier, mitten im Baumarkt, zu brüllen: Ich bin bereit! Aber das ist sie. Sie will noch mehr, mehr Schönes nur für sich allein.

Nichts Langweiliges. Aufregend soll es sein, anders, nie gewagt. Sie will das Neue, sie hat heute die Chance, eine andere zu werden, eine, die immer schon in ihr war. Es ist ja alles immer schon in einem. Muss man nur suchen, muss man nur rauslassen, braucht es nur Mut.
Aber das hier ist alles zu wenig. Das Zuwenige hängt überall rum, alles grau, alles schwarz.

Und schon wieder diese Verbrecher an der Wand, die sich in jedes noch so marode Herz einschleichen. Aber nicht mehr in ihres, das ist stahlhart, und kaufen wird sie in so einem Laden auch nichts. Sollen die doch glücklich werden mit ihren Katzen, den Bildern in albernen, runden Rahmen, den Haaren überall, die sich festkrallen in jedem Pullover.
Sie will hier nur noch weg.

Erst mal was Essen. Sie hat noch gar nichts gegessen heute, die Wut hatte ihr zu heftig in den Magen getreten.
Muss sich alles beruhigen. Kopf und Bauch müssen sich entspannen. Essen, spielen, atmen nicht vergessen. Dabei beginnt sie, den Plan zu entwerfen. Es gibt Probleme, die lösen sich nicht von allein, Demütigungen, die niemand auf sich sitzen lassen sollte. Gift ist natürlich immer eine Möglichkeit, bei so einem kleinen Körper braucht es davon nicht viel. Der Hals ist natürlich auch sehr klein, da würde ein gezielter Schlag genügen. Oder doch einfach aussetzen, in unwirtlicher Umgebung, davon gibt es ja genug.
Während sie ganz versunken ist in der freudigen Idee der Auslöschung, piept ihr Telefon, es ist schon fast ein schmerzhaftes Piepen, ein Wimmern eigentlich, und auf dem Display erscheint ein Bild, als könnte dieses Vieh Gedanken lesen.

Schickt es ihr jetzt, ausgerechnet jetzt, ein Selfie. Sie starrt auf das Bild, will es wegdrücken, doch ihre Hände zittern, der Rest ihres Körpers ist starr. Man sollte Katzen den Umgang mit Telefonen verbieten, das hat sie schon immer gesagt. An ihren neuen, kleinen Fisch muss sie denken, der noch immer in der Tüte schwimmt, versteckt im Kleiderschrank. Niemals würde es ihm einfallen, ein Selfie zu schicken, es würde ihm auch nicht einfallen, ihre Gedanken zu lesen. Diese Katze muss weg. Oder ich, denkt sie, schaltet das Telefon aus, hört ein Geräusch, oben an der Treppe, leise Schritte.

Da sieht sie ihn, nur in Unterhose, wie er aus dem Schlafzimmer schleicht. Sie braucht mehr Gift, ist ihr erster Gedanke. Der Körper da oben ist ja doch um einiges größer. Das ist ein Mensch, ein Mann, ihrer sogar. Von wegen Gedanken lesen, die haben sich da oben lustig gemacht über sie. Das ist alles abgekartet, die kennen gar keine Grenzen mehr.
Jetzt kommt er runter zu ihr, Unschuldsblick, klar, reckt sich ein bisschen, schnurrt, als hätte er dort oben ein Schläfchen gemacht. Er setzt sich neben sie, tut, was Männer tun, wenn sie sich anders nicht mehr zu helfen wissen, wenn sie anders nicht mehr beeindrucken können.
Früher ist sie auf so was auch reingefallen, da brauchte er bloß seine Muskeln zu zeigen und schon wurde sie weich. Aber früher muss auch mal vorbei sein. Trotzdem schaut sie hin, es tut ihr ein bisschen leid, dass es diese Muskeln wohl nicht mehr allzu lang geben wird. Nicht wegen Alter und Verfall und den üblichen Dingen, sondern wegen baldiger Abschaffung dieses gesamten Mannes.
Wenn sie nur eine Sekunde länger hinschaut, werden die Zweifel wach, das ahnt sie, eine Minute nur und ein Verzeihen wäre im Bereich des Möglichen. Schau weg, sagt sie sich, doch nichts passiert. Sie blickt bloß weiter diesen Arm an, der sie vor etlichen Jahren über die berühmte Schwelle getragen hat. Dieser Arm, der sich um sie gelegt hat, wenn sie fror, wenn sie schlief, weinte, keine Kraft mehr hatte. Sein Arm war immer da.
Das ist das Dumme an Fischen, die haben gar keine Arme.

Der Film ist vorüber, der Abspann läuft.

Dass sie sich jetzt versöhnen, dass jetzt alles wieder gut ist, dass dieser Tag nicht geschehen ist, das passiert nicht wirklich, das gibt es nur in der Spiegelung der Balkontür. Die können einem ja alles erzählen.

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Vera Rocke (rechts im Bild) wurde 1959 geboren. Sie arbeitet als Verwalterin von Mietobjekten in Hannover, ist ehrenamtlich für den Fanclub des Hannover 96 tätig und schreibt als Sportreporterin für die Hildesheimer Allgemeine Zeitung. Vera Rocke lebt mir ihrem Mann und ihrer Katze in Giesen im Landkreis Hildesheim.

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Heinz Helle (rechts im Bild) wurde 1978 in München geboren. Er studierte Philosophie in München und New York und ist Absolvent des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel/Bienne. Er arbeitet als Texter in Werbeagenturen. 2014 erschien sein Debütroman Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin im Suhrkamp Verlag. Er wurde mit dem Literaturpreis des Kantons Bern ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises. Heinz Helle lebt in Biel, er ist verheiratet und hat eine Tochter.

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Heinz Helle Die Begutachtung einer Wand Da bin ich. Und da. Und da. Ich weiß nicht, was das alles bedeutet. Ich denke: nichts. Ich sehe: Turboquirlie. Ich sehe T, U, R, B, O, Q, U, I, R, L, I, E und ein paar Millionen andere kleine Teile von größeren Teilen von größeren Teilen, die sich in ein paar Millionen noch kleinere Teile auflösen würden, wenn ich nicht da wäre, um sie zu sehen. Ich weiß nicht, wie lange ich noch da sein werde. Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis man sich daran gewöhnt hat, allein zu sein. Ich weiß im Grunde überhaupt nichts. Nein, das stimmt nicht. Ich weiß, dass die Wände im Keller kahl sind. Und dass im Keller Dinge aufeinanderstehen. Und dass die Fenster im Keller klein sind und oben. Vom Keller aus gesehen. Ich weiß, dass der Weg nach oben steil ist und beschwerlich. Und das Vorhänge so aussehen können, als würden sie wehen im Licht. Für mich. Ich weiß nicht, ob ein Ich wissen muss, dass es ein Ich ist, um etwas zu wissen, oder nicht. Ein Buch kann ja auch nicht lesen. Ich weiß, dass Linien, die irgendwo herkommen, auch irgendwo hinführen. Mein Reim ist der rechte Winkel. Ich kann keinen Unterschied erkennen zwischen der Logik der Sitzbezüge und der Logik der Rucksäcke. Oder den Logiken der Thuja und des Jägerzauns. Ein Ich zu haben erfordert Geduld. Struktur und Organisation. Und Wiederholung. Und Struktur und Organisation. Und Wiederholung. Ein Ich zu haben bedeutet, beurteilen zu können, ob noch was im Kühlschrank ist. Ich bin die Summe der Dinge, die mich umgeben. Ihre Namen sind meine Gefühle. Ich bin in der Lage, auf Veränderungen in meiner Umwelt zu reagieren. Ich bin in der Lage, gegebene Elemente zu ordnen. Ich bin in der Lage, den Unterschied festzustellen zwischen einem Ehering und zweien. Ich weiß nicht, wie lange ich noch da sein werde. Niemand weiß, wie lange sie oder er noch da sein werden. Du hast immer gesagt, ich soll gut achtgeben auf die Blumentasse. Und dass die Zeit nur wie ein Obst ist, von dem niemand weiß, wann es herunterfällt. Und dass ich meine Jogginghose bitte so über die Schranktür hängen soll, dass du noch an den Schlüssel kommst. Und dass der große Vorteil unserer Treppe ist, dass man sie auch gehen kann, wenn die Schwerkraft aussetzt. Ich glaube, ein Ich hat irgendwie mit Glück zu tun. Mit Kreuz, Caro und Pik. Mit Herz. Mit Frühling. Mit Neugotik. Mit Asche. Mit frischer Forelle. Mit der Farbe Rot. Mit Jerome Isaac Friedmans oszillierendem All. Urknall. Expansion. Expansion. Stillstand. Implosion. Implosion. Urknall. Wiederholung. Beim nächsten Mal würde ich dir gegenüber vieles anders machen. Menschen können sich ändern. Aber warum sollten sie? Ein Ich braucht keine Moral. Oder ein zusammenhängendes Narrativ. Alles, was ein Ich braucht, ist etwas Wärme in regelmäßigen Abständen. Ich gebe zu: Manchmal frage ich mich schon, wo hier der Ausgang ist. Mit Aufgeben hat das nichts zu tun. Eher mit Aufstehenwollen. Sich herausschälen wollen aus dieser unendlich bequemen Perspektive. Ich nehme den Kampf an. Möbelshop. Trödelshop. Mein Reim ist der rechte Winkel. Und dein Schatten ist für mich nur eine Graustufe. Es wird dunkel. Und dann wieder hell. Und dann wieder dunkel. Alle dreißig Sekunden.

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Dieter Klein (links im Bild) wurde 1936 in Bayreuth geboren und lebt seit 1965 in Hildesheim. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er dort als Gymnasiallehrer für Deutsch und Evangelische Religion. Dieter Klein ist Vater eines Sohnes und einer Tochter. Im Ruhestand hat er begonnen, literarische Texte zu schreiben – eine Auswahl ist 2007 unter Pseudonym erschienen.

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Jakob Nolte (links im Bild) wurde 1988 in Barsinghausen am Deister geboren. Er verfasst Comics, Prosa und Dramatik. Sein Debütroman ALFF erschien bei dem Modellprojekt Fiktion (fiktion.cc) auf deutscher und englischer Sprache. Seine Theaterarbeiten wurden an diversen Theatern gezeigt und zu Festivals eingeladen. Gemeinsam mit Michel Decar gewann er 2013 für das Stück Das Tierreich den Brüder Grimm-Preis des Landes Berlin.

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Jakob Nolte
Sollte Kenia seine Truppen aus Somalia abziehen?

Malaka. Das dachte Kito beim Blick in den Spiegel. Malaka. Wenn einem nach dem Verlassen der Wohnung einfällt, dass man etwas vergessen hat, wie sich die Zähne zu putzen oder Tabak, dann in die Wohung zurückkehrt und es nachholt, soll man sich vor dem Wiederverlassen der Wohnung im Spiegel anschauen. Denn wenn man etwas vergisst, egal in welcher Situation, dann ist etwas grundlegend falsch mit einem. Darum muss man sich durch den Blick ins eigene Gesicht wieder aufrichten, so wie das Schleifen von Messern streng genommen nur das Aufrichten ihrer Klingen ist. Der Blick in den Spiegel vor dem Wiederverlassen der Wohung ist zu vergleichen mit dem Aufrichten der Klinge eines Messers, bevor man etwas damit schneiden möchte.
Man soll niemandem die Hand über eine Türschwelle geben. Das bringt Unglück. Man soll niemandem ein Messer schenken. Schenkt man jemandem ein Messer, sollte man von demjenigen einen symbolischen Geldbetrag verlangen. Empfohlene Spende: 1 Dollar. Wer anderen ein Messer schenkt, der riskiert, dass das Zwischeneinander verhängnisvoll endet.
Malaka, das dachte Kito beim Blick in den Spiegel. Das Wort hatte ihr ein griechischer Billardspieler beigebracht, der aus Ungarn kam. In Ungarn heißt Malac Schweinchen oder Ferkel, in Griechenland ist Malaka ein böses Universalschimpfwort. Es heißt in etwa Wichser, ist im Slang aber auch ein Begriff für Kumpel. Malaka. Kito mochte dieses Wort sehr. Sie hatte es schon lange nicht mehr verwendet. Für sie war es ein echtes Zauberwort.
Kito hatte große Lust auf Weintrauben. Weintrauben zu essen und einen Kaffee zu trinken. An ihrer Wand in ihrem Schlafzimmer, in ihrem Schlaf- und Wohn- und Esszimmer, einem Zimmer, das längst alle Definitionen von Wohnraum ausgelöscht hatte, hing eine Weltkarte. Auf der Karte hatte sie mit Pinnadeln Orte markiert, in die sie sich die Einschläge von strategischen Gefechtskörpern vorstellen könnte. An den Kauf der kleinen Plastikbox, in welcher sich die Pinnadeln befanden, konnte sie sich nicht erinnern. Sie drückte sich einige Weintrauben in den Mund und drehte sich eine Zigarette, dann rauchte sie sie und trank einen Kaffee aus einer Tasse. Sie aß weitere Weintrauben und musste nach zwei Dritteln der Zigarette auf die Toilette. Das Papier der Zigarette knisterte morgens, in der Klarheit ihres frisch erwachten Gehirns, merklich lauter. Sie duschte und alles.
Ihr Blick haftete sich für eine Weile auf den Himmel, der durch die Fenster ihrer Wohnung zu erkennen war. Das Wetter schien schön zu sein, aber kalt. Zu dieser Tageszeit und in diesem Licht, und vor diesen Wolken, wirkten die Straßenlaternen wie ein schlechter Witz. Erst mit dem Wissen, dass es nachts dunkel wird, ergaben viele Entscheidungen von Städtebauern und Landschaftsarchitekten wirklich Sinn. Sie putzte ihre Zähne, nachdem sie das Haus verlassen und wieder betreten hatte.
Im Zug traf sie ihren Kollegen. Das war kein Zufall. Kito freute sich, ihn zu treffen, und er freute sich genauso. Das waren ihrer beider aufrichtige Gefühle. Kito wollte dringend mit diesem Kollegen über etwas reden. Sie begrüßten sich und tauschten sich aus. Kito war eine Weile lang nicht zur Arbeit gekommen. Die Woche nach Ostern hatte sie sich krank schreiben lassen. Die beiden führten eine Arbeitsfreundschaft. Sie übten einen Job aus, der sie in die Situation brachte, gemeinsam zu einer Messe auf dem hannoverschen Messegelände zu fahren, die der CeBIT sehr ähnlich sah, aber nicht die CeBIT war.
Dieser Mann hieß der Herr Purro und der Himmel war völlig blau. Der Himmel ist heute so blau wie Harald Juhnke, sagte der Herr Purro, der lange darüber nachgedacht hatte, wer der bekannteste Alkoholiker des Landes Deutschland sein könnte. Gemeinsam warteten sie auf den Zug von Hildesheim zur Station Hannover Messe/Laatzen. Der Herr Purro erwähnte nebenbei, dass die Autobahnausfahrt Kreuz Hannover Ost die schönste in der gesamten Bundesrepublik wäre. Ihr Name würde in ihm ein verworrenes Bild hervorrufen. Wie ein sowjetrussisches Manga oder irgendwas, meinte der Herr Purro. Er kam wohl darauf, da er oft zur Station Hannover Messe/Ost gefahren war, früher, wie er noch in Hannover gewohnt hatte. Für den Herrn Purro war Kito Frau Schmidt, da sich die beiden nicht beim Vornamen ansprachen, was aber nicht hieß, dass er nicht wusste, dass Frau Schmidt Kito mit Vornamen hieß.
Kito war erstaunt darüber, dass sie der Herr Purro nicht auf ihre Abwesenheit in der letzten Woche ansprach. Sie war regelrecht fassungslos. Es war Teil einer Reihe von kleinen Verletzungen, die ihr seit ihrer frühsten Kindheit zugefügt wurden, und die über die Jahre eine Verpanzerung ihres Herzens hervorgerufen hatte.
Der Herr Purro rauchte eine Zigarette auf dem Bahnsteig. Im Zug saßen sie am Fenster. Beide interessierten sich nicht mehr für die Strecke zwischen Hildesheim und der Station Hannover Messe/Laatzen. Die Sonne brannte unheimlich in etwa eineinhalb Millionen Kilometern Entfernung und ohne Unterbrechung. Würde die S4, in der sie saßen, im gleichen Verhältnis von Zeit und zurückgelegter Entfernung bis zur Sonne weiterfahren, was in etwa sechs Millionen Mal die Strecke zwischen Hildesheim und Hannover Messe/Laatzen war, würde sie dafür mehr als 260 Jahre brauchen. Wobei diese Rechnung dahingehend Unsinn ist, dass sie weder Verspätungen noch Verschleiß der Maschinen miteinschließt.
Die letzten Tage hatte Kito ganz allein verbracht und es brauchte eine Weile, bis sie sich wieder daran gewöhnen konnte, Zeit mit einem anderen Menschen zu verbringen. Doch sie begann sich zu entspannen, was ihr gut tat, und erzählte dem Herrn Purro ihre übliche Anekdote über die Expo 2000. Eine Anekdote, die sie nicht wirklich oft erzählte und die keine Pointe besaß. In ihrer Anekdote über die Expo 2000 geht es um das achte Weltwunder, einem Projekt von einer österreichischen Künstlergruppe, die einen Unterwasserkanal baute, durch welchen man mehrere Meter in die Tiefe tauchen musste, um dann in einen Raum zu gelangen, in dem sich etwas ganz Besonders befinden sollte. Wer diesen Tauchgang auf sich nahm, der musste sich allerdings dazu verpflichten, nie zu sagen, was sich in diesem Raum befand. Im Endeffekt eine Arbeit zum Thema Machterhalt, dachte sich Kito heute, erzählte sie dem Herrn Purro. Und ob er noch davon wüsste, und ob er denn eine Ahnung hätte, was sich wohl in diesem Raum befand. Der Herr Purro musste passen. Davon hatte er noch nie etwas gehört. Er war damals nicht auf der Expo 2000 gewesen. Das war zu einer Zeit, in der er die internationale Staatengemeinschaft verachtete. Heute erginge es ihm da anders. Wie das käme, wollte Kito wissen. Das wisse er nicht mehr so genau. Er schaute auf seine Handflächen. Manchmal hatte er das Gefühl in Flammen zu stehen, in kalten, unsichtbaren Flammen, und es müsse doch ein Licht geben, in welchem er diese Flammen sehen könnte, in dem zu erkennen wäre, dass er ständig bei lebendigem Leib verbrannte. Er sagte, er glaubte, dass es etwas mit dem Moment zu tun gehabt hätte, in dem er realisiert hätte, dass er immer er selbst sein würde, und nie jemand anderes. Und dass ihm klar war, dass sein Leben unfassbaren Reglementierungen unterworfen war, dachte er damals. Er würde dieses Gefühl heute nicht mehr allzu oft verspüren. Was schade wäre, sagte er verträumt und enttäuscht.
Kito musste wieder daran denken, dass man in den Spiegel schauen soll, wenn man das Haus verlässt, nachdem man etwas vergessen hatte. Extreme Reglementierungen, murmelte sie, und der Herr Purro konnte nicht ganz ausmachen, ob es sarkastisch gemurmelt war. Etwas ist mit ihr, dachte er sich, aber ich will mich nicht aufdrängen, dachte er sich genauso. Wir sind bloß Partner in einem Beruf. Auch wenn wir eine Arbeitsfreundschaft führen, möchte ich nicht unhöflich sein. Wir duzen uns ja nicht mal. Wenn etwas ist, was sie teilen möchte, dann soll es ihre Entscheidung sein, es mit mir zu teilen.
Die Messe war Gänsehaut pur. Kito verspürte ein angenehmes Gefühl dabei, ein Kärtchen mit ihrem Namen vor ihrem Busen wippend zu wissen. Wonach suchen wir genau, fragte Kito nach einer Weile. Nach einem Topanbieter, antwortete der Herr Purro. Und nach einem Kaffee? Auch nach einem Kaffee. Sie tranken einen Kaffee. Der Kaffee verfehlte seine Wirkung. Kito wurde müde. Sie stellte sich, mit in ihren Wangen schwarz aufsteigenden Tränen, vor, wie vier bewaffnete Männer die Halle 15 stürmen würden, und begännen, auf die Studenten zu schießen. Sie stellte sich das Schreien vor, die Angst, die Panik, den Überlebenskampf und wie sich die Opfer des Massakers versteckten und versuchten, Unterschlupf zu finden.
Der Herr Purro tippte eine E-Mail oder eine ungewöhnlich lange SMS in sein Handy. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer SMS und einer E-Mail, fragte sich Kito und fragte es dann den Herrn Purro. Sie wollte den Bildern der vergangenen Tage keine allzu große Macht einräumen. Sie musste sich dagegen wehren oder könnte gleich aufgeben. Ich glaube nicht, dass ein Unterschied zwischen einer SMS und einer E-Mail besteht, aber doch gibt es einen, das lässt sich kaum bestreiten. Es ist komisch. Wobei eindeutig ist, dass eine SMS wie eine E-Mail nur aus Wörtern besteht, werden E-Mails und SMS anders behandelt – im Endeffekt ist es paradox. Ich wünschte, dass diese Unterschiede nicht bestehen würden.
Eine ein bisschen überambitionierte Antwort, dachte sich Kito. Es kam ihr verwunderlich vor. Als wollte der Herr Purro etwas ganz anderes sagen. Sie gingen weiter. Sie rauchten, der Himmel war so blau, die Stände waren in einem einheitlichen Erscheinungsbild, hier war alles sinnvoll. Kito schaute kaum an die Decke der Halle, es gab hier tausende von Fenstern, in Nairobi sprang ein junger Mann aus dem dritten Stock der Universität und starb. Er und alle anderen waren in einen fürchterlichen Schrecken versetzt worden. Kito musste sich beherrschen.
Dem Herrn Purro war ein guter Witz gelungen. Sie lachten und schritten voran. Sie besorgten sich Snacks. Kito kaute ununterbrochen auf einem Kaugummi herum, der auch nach Stunden noch denselben, frischen Minzgeschmack hatte. Beim Rauchen schob sie ihn sich mit der Zunge hinter die Backenzähne. Man soll nicht rauchen und dabei Kaugummi kauen, es entsteht Blausäure. Man soll versuchen, so wenig Medikamente wie möglich zu nehmen, auch bei einem Kater sollte man probieren, keine Ibuprofen oder ähnliches zu schlucken, da der Körper sonst resistent wird. Als Kito diesen Gedanken einmal hatte, nachdem sie vor dem Einschlafen über 40 Bier getrunken hatte, kam sie sich dumm vor. Hier waren alle Lampen gut in Schuss.
Sie tranken einen weiteren Kaffee, der Himmel war mittlerweile schmerzhaft blau, sie rauchten eine Zigarette, die Balken begannen sich zu biegen und jemand wies ihnen den Weg zu einem Vortrag über die weitreichenden Einflüsse des Braindrain, einer momentan sehr angesagten Kolonialtechnik. Kito dachte kurz darüber nach, wie es wäre, den Imperialismus endgültig zu zerschlagen.
Der Herr Purro erwähnte heute zum ersten Mal seine feste Freundin Lena. Vielleicht hatte er es aufgegeben, mich rumkriegen zu wollen, dachte Kito und schämte sich dann grenzenlos für diesen kurzen Moment der Eitelkeit.
Sie verließen das Gelände und Kito schaute zum ersten Mal seit dem Verlassen des Hauses auf ihr Handy. Ein paar Hundert E-Mails und Kurzmitteilungen hatten sich angesammelt. Sie rauchten. Über ihnen flog ein Flugzeug seine Runden, es flog hier bereits eine Weile. Sie entschieden sich, gemeinsam zu Abend zu essen. Sie hatten einen wichtigen Geschäftskontakt gemacht, da waren sie sich sicher. Der Herr Purro wollte Kito einladen. Sie gingen gemeinsam in einen Supermarkt, der ein bisschen wie ein Rewe-Supermarkt aussah, aber MiniMal hieß, oder auf jeden Fall früher so hieß. Sie kauften sich Mozzarella-Sticks, 72 Stück. Kito aß sie am liebsten mit einer scharfen Auberginenpaste und Pastete. Kito hatte Verwandte in Frankreich, die ihr häufiger Pastete aus Frankreich schickten. In ihrem Salat waren Pflaumen. Der Himmel entspannte sich ein wenig. In ihrem Salat waren karamellisierte Möhrchen. Zu Hause bei dem Herrn Purro war auch der Herr Märklin. Der Herr Märklin hieß nur deshalb Herr Märklin, weil er schon immer einen Faible für Modellbau hatte.
Eigentlich hieß er Martin Borussio Klack. Er war ein extrem heiterer Mensch. Er war es auch, der die Idee mit den Mozzarella-Sticks hatte. Er war es auch, der den Herrn Purro gefragt hatte, ob er nicht Kito fragen wollte, sie zum Essen einzuladen. Der Herr Märklin hatte alle Fäden in der Hand. Er wusste viel zu Themen beizutragen, viel zu viel manchmal, unheimlich viel. Er regierte. Seine E-Mails waren an guten Tagen eine sehr komplizierte Mischung aus Ernst, Komik, Unfug, Reflexion, Vision und Emotion. Das hatte zumindest seine Chefin einmal über ihn geschrieben. Jetzt war er seine eigene Chefin. Er hat sie in die Tasche gesteckt. Er hat sie dem Erdboden gleich gemacht. Jetzt war er der Boss. Jetzt bestimmte er, wo es langging. Jetzt war er an der Reihe. Jetzt war es endlich so weit.
Kito hatte nie viel für ihn empfunden. In den kommenden Stunden hörte sie die meiste Zeit zu. Auch der Herr Märklin wollte nicht wissen, warum Kito eine Woche nicht auf der Arbeit war. Er hatte ganz sicher eine Ahnung, er war ein belesener Mann, er hatte eins und eins ganz sicher bereits zusammengezählt, und doch fragte er nicht.
Sie rauchten. Kito verspürte das Verlangen zu fliehen. Sie war noch nicht bereit. Sie hielt es nicht mehr aus. Sie verließ die Wohnung, denn der Herr Purro und der Herr Märklin konnten doch nichts dafür.
Die heiße Nachtluft beruhigte Kito, sie befürchtete zu ersticken. Auf ihrem Weg zu der Kneipe, in der sie sich mit ihrer Adoptivschwester traf, ging sie durch einen Tunnel und einen Kiosk, den sie dahingehend tatsächlich durchquerte, alsdass er zwei Türen hatte. Durch die eine trat sie ein und durch die andere verließ sie den Kiosk wieder. Erst das eine, dann auch noch das andere, dachte sie, als sie sich die gerade neu erstandenen Zigaretten in ihren Poncho steckte. Wer viele Zigaretten raucht, mit dem ist etwas schwer im Argen. Wer einen Poncho trägt, der ist locker drauf.
Sie und ihre Adoptivschwester trafen sich im Showdown, das war ein alter Laden, den aber noch nicht so viele Leute kannten. Kitos Adoptivschwester hieß Meike, sie war die einzige Weiße in der Familie Schmidt. Sie hatten sie aus Baden-Württemberg adoptiert, als die Situation in Baden-Württemberg kurz vor der Eskalation war. Kitos Onkel zum Beispiel hatte ein Frühstücksbistro in Nairobi. Meike wollte sich schon seit einer Woche mit Kito treffen. Doch erst heute hatte sie auf eine ihrer Nachrichten geantwortet. Treffen wir uns im Showdown, dort wird sich alles klären, hatte Kito Meike geschrieben. Sie sprachen lange über das Massaker des 2. April an der Hochschule in Garissa, bei dem in elf quälenden Stunden 148 Menschen getötet wurden, und von welchem die hiesigen Medien so beschämend wenig berichtet hatten. Kito kannte dort jemanden, der unter den Opfern war. Es war nicht wirklich ein guter Freund von ihr oder irgendwas, der Herr Purro wusste sicherlich mehr über Kito als ihr Freund Sebastian, der an der Universität Garissa für Baumentwicklung eingeschrieben war, aber der Sebastian war nun tot und der Herr Purro nicht, und das Tragische war, dass sie dem Sebastian nie mehr würde näher kommen können, sondern sich nur von ihm entfernen, sich nur jeden Tag Tausende von Kilometern weiter von ihm entfernen, bis die Erinnerung eines Tages weiter von ihr entfernt sein würde als die Sonne es von der Erde war. Nur dass die Erinnerung an Sebastian nicht strahlen würde, ganz im Gegenteil, sie würde kalt sein und sich immer auf der anderen Seite von ihrem Leben befinden und Kito würde immer im Schatten dieser Erinnerung leben müssen, und das wäre nun so, und daran wäre nichts mehr zu ändern, unter keinen Umständen der ihr bekannten Wirklichkeit. Kito musste immer wieder weinen. Es tat ihr gut. Sie fühlte sich weniger allein. Meike blieb ruhig und aufmerksam, wie es ihre Art war. Als ein junger Mann sie weinen sah, kam er zu Kito und fragte, ob er etwas für sie tun könnte, worauf Kito erwiderte, dass ja, dass er nach Hause fahren könnte, dass er nach Hause fahren könnte, dass er doch einfach nach Hause fahren könnte, seine Eltern töten und sich dann erhängen. Meike entschuldigte sich für Kito, wusste aber, was sie meinte. Sie hatte ihren grundsätzlich nachvollziehbaren Gedanken etwas ungeschickt formuliert. Der junge Mann trug eine diffuse Schuld an dem College Massaker in Garissa und eine Brille. Kito entschuldigte sich bei dem jungen Mann. Sie verfluchte ihn.
Nach ein paar Stunden ging sie nach Hause. Das Treffen mit Meike war toll gewesen. Als sie zu Hause auf den Webseiten von Al Jazeera, der BBC, dem Boston Globe, dem Council of Foreign Relations, der New York Times, der Washington Post, der Global Terrorism Database, der Chicago Tribune, der Daily Mail, der Daily Nation, dem Guardian, der World Post und Reuters nach Neuigkeiten suchte, fühlte sie sich egal und verletzlich. Sie befürchtete, dass ihr nie eine einschlägige Strategie zur Bekämpfung der al-Shabaab-Milizen einfallen würde. Sie sah ihr Spiegelbild in dem Fenster über der Kopfseite ihres Bettes.

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Lea Lang (rechts im Bild) wurde 1989 in Stuttgart geboren und studiert seit 2010 Philosophie – Künste – Medien an der Universität Hildesheim. Während ihres Studiums wirkte sie bei Festivals (transeuropa2012, State of the Art // Domäne) mit. Derzeit arbeitet sie für das Friend- & Fundraising der Stiftung Universität Hildesheim und als freie Mitarbeiterin für die Hildesheimer Allgemeine Zeitung.

Megapixel Hildesheim fand in Kooperation mit dem Salon e.V. im Rahmen des Hildesheimer Stadtjubiläums 1200 statt. Mit freundlicher Unterstützung von:

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